Willkommen auf meiner Seite!

Bienvenidos!

Ich heiße Christoph Steimer, bin 19 Jahre alt und wohne in Berchtesgaden. Zumindest habe ich das bis zum 06.08.2010. An diesem Tag fing für mich ein neues Leben an: ich habe mich entschlossen, nach dem Abitur meinen Zivildienst im Ausland zu absolvieren, in Ibarra, Ecuador um genau zu sein. Das heißt auf Wiedersehen Deutschland für ein ganzes Jahr. Dabei lasse ich meine Verwandten und Freunde in Deutschland zurück. Damit diese Trennung jedoch nur distanzieller Art ist, startete ich dieses Blog, um allen Interessierten ein ganzes Jahr Einblicke zu geben, in mein völlig neues Leben in Ecuador.

Um den Zivildienst bzw. Anderen Dienst im Ausland (ADiA) abzuleisten, muss zunächst eine Bewerbung bei einer Trägerorganisation in Deutschland stattfinden. Diese hängt wiederrum mit einem Projekt im Ausland zusammen, in dem der Volontär seine Arbeit ableisten kann.

Nachdem ich bei der Ecuador Connection angenommen wurde, entschied ich mich (gegen das Projekt in Quito) für das Projekt der Fundación Cristo de la Calle in Ibarra.

Dabei erschien mir besonders die Übersichtlichkeit Ibarras vorteilhaft, zudem komme ich auch über meine Kollegen in Quito in den Genuss der Hauptstadt. Außerdem sind die zu betreuenden Kinder in Ibarra durchschnittlich älter, was mir auch zusagte. In den Familien werden gesunde Straßenkinder, sowie auch geistig oder körperlich behinderte Kinder betreut. Diese Mischung macht die Arbeit dort besonders interessant. Ich habe mir außerdem vorgenommen, einigen Kindern Sport- oder Englischunterricht zu geben. Doch der wichtigste Vorteil für mich war das Leben in einer Familie, dadurch steht man in sehr engem Kontakt mit der ecuadorianischen Bevölkerung, was neben den vielen Erfahrungen auch sehr positiv für die Sprachkenntnisse ist.

Das Projekt ist Teil der Fundación Cristo de la Calle, welche aufgebaut wurde durch Señora Claudia. Gestützt auf das „Recht auf Familie“ eines jeden Kindes, gewährleistet das Projekt Straßenkindern und Kindern mit behinderten, kriminellen oder drogenabhängigen Eltern eine Familie. Um den Kindern eine zu Hause zu geben, verfügt die Fundación über vier Häuser in Ibarra (Casas Familiares). Dort wohnen stets ein bis zwei Betreuer mit bis zu acht Kindern zusammen. Als Freiwilliger, wie beispielsweise ich, wird man in eines dieser Häuser geschickt um dort zu helfen. Dabei werden jedoch weniger häusliche Arbeiten abverlangt. Stattdessen wird viel Wert auf die Arbeit mit Kindern gelegt. Wie meine Arbeit jedoch genau ablaufen wird, will ich durch meine Erzählungen schildern.

Der Andere Dienst im Ausland wird jedoch nur mangelhaft vom Staat unterstützt. Das Projekt, in dem ich als Volontär teilnehme, erhält keinerlei finanzielle Unterstützung. Für die Fundación Cristo de la Calle ist es bereits eine Herausforderung, die bedürftigen Kinder in Ibarra mit Nahrungsmitteln zu versorgen, dadurch ist ein finanzielles Entgegenkommen für Freiwillige unmöglich.

Deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als die Flugkosten, Visumkosten, Versicherungskosten, Wohnkosten, Versorgungskosten etc. etc. etc. selbst zu tragen. Das gesamte Jahr werde ich arbeiten, ohne dabei einen einzigen Cent zu verdienen. Ganz im Gegenteil, ich werde dafür bezahlen. Doch davon wollte ich mich nicht abschrecken lassen, denn die Erfahrungen die ich hier machen und später weitergeben werde sind es meiner Meinung nach wert. Außerdem hab ich das Gefühl hier wirklich helfen zu können und die positiven Auswirkungen des Projekts sind offensichtlich.

Und so bitte ich jeden, dem diese Seite gefällt, dem gefällt, was ich mir vorgenommen habe und es für ein sinnvolles, nachhaltiges Bestreben hält, mich dabei zu unterstützen.

Jede noch so kleine Spende hilft mir, meine Arbeit mir den Kindern zu verwirklichen!!!

Beispielsweise eine Spende von umgerechnet 5$, reicht aus, um ein behindertes Kind einen ganzen Monat lang zu seinen Therapien zu führen und zu begleiten.

Dies soll jedoch niemanden von dieser Seite abschrecken. Hier ist natürlich jeder herzlich willkommen, allein euer Interesse empfinde ich als Unterstützung!

Viel Spaß!

Montag, 26. Dezember 2011


Schon wieder ist ein weiterer Monat wie im Flug vergangen und es gibt zu viel zu erzählen..
Zuletzt war es nicht so leicht Zeit zum berichten zu finden, deshalb werde ich jetzt noch die wichtigsten Erlebnisse schildern.
Am Freitag den 17ten September war das Stadtfest Ibarras, hier gab es einiges zu sehen. Zum Beispiel die sogenannte Pregón, ein Umzug, bei der verschiedene Tanzgruppen ihre Choreographien vorstellten. Dabei kann man die Tänze verschiedenster Kulturen kennenlernen. Hierzu habe ich auch einige Bilder ins Internet gestellt.
Am nächsten Tag bin ich mit Kevin und Hella nach Cuicocha gefahren und von dort aus zu der gleichnamigen Kraterlagune aufgebrochen. Wir haben dort eine kleine Bootstour gemacht, haben es uns jedoch auch nicht nehmen lassen, in das kalte doch sehr klare Wasser zu springen. Ein komisches Gefühl wenn man bedenkt, dass man sich über einem Vulkan befindet.
Am Abend kehrten wir noch nach Ibarra zurück und luden unsere Nachbarn auf einen selbstgemachten Batido de Mora (Frucht-Milch-Mix) ein. Diese Geste unter Nachbarn ließ sie nicht schlecht staunen, dennoch haben wir uns mit ihnen angefreundet und den einen oder anderen Tipp über Ibarra aufgeschnappt.
Da ich jeden Werktag die kleine Karlita zu ihrer Gehörlosenschule begleite und für sie schon an Elternsprechtagen teilgenommen habe, wurde ich am Freitag danach von der Schulleitung der "Unidad Educativo de Sordos" eingeladen, bei einer Parade mitzulaufen. Der Anlass hierzu war der "Día de Sordos", der Tag der Gehörlosen. Also trafen sich alle Eltern mit ihren Kindern und den Lehrern am Morgen am Obelisk in Ibarra und marschierten später durchs Zentrum. Anschließend hielt der Zug in einem Museum, in dem der Tag noch weiter gefeiert wurde. Nachmittags ging es für mich dann ab nach Quito.
In der Woche danach begannen am Donnerstag die Unruhen, doch am Samstag reiste ich schon wieder unbesorgt dorthin.
In der nächsten Woche begannen wir in der Fundación mit den Vorbereitungen für die Feier des 17ten Geburtstags der Fundación. Zunächst kratzten wir an den Wänden die Farbe ab, sodass wir am nächsten Tag mit dem Streichen beginnen konnten. Die Arbeit machte mir sehr viel Spaß, jedoch stiegen wir schon am Donnerstagabend in den Bus, um ein verlängertes Wochenende in Guayaquil zu genießen. Nachdem wir freitagmorgens dort ankamen und uns ein billiges Hotel gesucht hatten, besuchten wir dort einige Sehenswürdigkeiten. Besonders hat mir das Viertel "Las Peñas" gefallen. Es befindet sich direkt am Meer auf einem Hügel. Von dem Aussichtsturm darauf kann man weite Teile Guayaquils überblicken. Nachdem wir unteranderem noch einen Park besichtigten, indem Leguane einfach so herumspazieren, brachen wir am Sonntag nach las Playas auf. Der Strand dort hat mir sehr gefallen, am meisten Spaß bereiteten uns jedoch die außerordentlich hohen Wellen, mit deren Hilfe das Bodysurfing nicht allzu schwer war. Um am Montagmorgen arbeiten zu können, reisten wir die ganze Nacht im Bus. Deshalb war ich am Montag sehr sehr müde und konnte mich den Tag manchmal nur schwer wachhalten.
Am Mittag bekam ich dann einen Anruf, dass ich zusammen mit einer Mitarbeiterin der Fundación und Kevin in eine Radiosendung eingeladen wurde. Zehn Minuten vor Beginn des Interviews wurde ich Abgeholt. Zum Anlass der gestrigen Feier wurden wir über unsere Arbeit und den genauen Ablauf der Feier ausgefragt. Außerdem interessierte die Moderatorin unsere Erfahrungen in Ecuador und besonders das Leben in Deutschland. Das Interview machte uns sehr viel Spaß.
Das Fest begann am Mittwoch am Morgen. Um den 17ten Geburtstag der Fundación zu feiern wurde zuerst ein Wettlauf für die Kinder veranstaltet. Hierbei halfen wir bei den Vorbereitungen und sorgten dafür, dass die Kinder die richtigen Straßen entlang laufen. Die Polizei musste einige Straßen sperren. Anschließend wurden die Kinder verpflegt, es wurden einige Worte gesagt und Musik gemacht. Der nächste Teil fand nachmittags im Colegio Sánchez statt, dort wurden einige Reden gehalten und die Fundación genauer vorgestellt. Anschließend gingen wir Volontäre mit den etwas jüngeren Mitarbeitern der Fundación noch in die Stadt.



Fast jeden Morgen stehe ich auf und sehe dieses Bild. Und jedes Mal löst es in mir ein Gefühl aus, das mich am liebsten sofort aufbrechen lässt um diesen Vulkan "Imbabura" (4.030 m) zu besteigen. Ich habe mit Don Jeorge geredet, vielleicht geht es diesen Samstag um fünf Uhr los!

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Weihnachten steht vor der Tür und da ich direkt danach durch Ecuador reisen werde, melde ich mich jetzt noch mal.
Seit meinem letzten Eintrag ist schon wieder einige Zeit voller neuer Erlebnisse und Eindrücke vergangen, doch ich werde versuchen über alles so gut wie möglich zu berichten.
Ich habe viele Ausflüge gemacht, so war ich beispielsweise mit meinen Gasteltern an einem Wasserfall, der sich in der Nähe von Otavalo befindet. Als wir dort ankamen, überredete ich Don Jorge zu einem Bad.



Abends hörte ich in der Nähe der Quinta laute Musik und schaute nach was los war. So wurde ich auf einen Geburtstag eingeladen und hab mich mit einigen Leuten die ich dort kennen lernte angefreundet. Die Leute sind hier wirklich sehr gastfreundlich.
Unter der Woche arbeite ich wie gewohnt, dabei bleibt auch mal Zeit den Kindern hier etwas Heimatsunterricht zu geben ;)



Naa, wer erkennt ihn??
Marjoriiie
Seit kurzem muss ich nachmittags noch die kleine Marjorie abholen, sie bleibt bis zum Abend, bis ihre 16-jährige Mutter aus der Schule kommt.
Am Wochenende vom 22. bis 24.10 war ich zusammen mit Hella, Elias, Fabian, Marian und seiner Freundin Aleja in Mindo. Das ist ein Ort der ca. 2 Stunden von Quito entfernt liegt. Es war erstaunlich zu beobachten, wie sich die Vegetation nach Quito schlagartig zu dichtem Wald, der schon an den Urwald des Dschungels im Osten erinnert, verändert. Der Ort ist sehr klein und schön, wir machten dort eine Canopy-Tour, fuhren mit Reifen denn Fluss herunter, stürzten uns an Leinen befestigt in eine Schlucht und besuchten außerdem den wunderschönen Wasserfall und eine Schokofabrik.


Die Woche darauf mussten wir Hella schon zum Flughafen begleiten. Ich kann mir im Moment noch gar nicht vorstellen mich (vielleicht für immer) von meiner Gastfamilie, vor allem den Kindern, verabschieden zu müssen. Ich hab zwar vor, irgendwann mal zurückzukommen um alle wieder zu sehen, doch denke ich nicht, dass ich auch die Kinder aus meiner Familie so leicht wieder sehen kann, da diese vielleicht schon adoptiert wurden, oder bei ihren Eltern leben. Der Abschied wird mir mit Sicherheit sehr schwer fallen.
Da vom 1. bis 3. November Feiertage in ganz Ecuador waren, nützten wir das verlängerte Wochenende für einen Ausflug nach Cuenca, einer Stadt Ecuadors mit europäischem Flair, die sich sehr weit im Süden befindet. Dort fanden zu dieser Zeit die Stadtfeste statt. Mit mir kam außerdem noch ein Freund aus Ibarra, der bald darauf für ein Jahr auf die Galapagosinseln geflogen ist, um dort zu arbeiten - ich denke ich werde ihn dort bald besuchen. Außerdem begleiteten mich die Leute aus Quito. Dort wurden wir sehr sehr sehr sehr gastfreundlich von einem Freund von Marian empfangen. Am Abend unserer Ankunft fand im Haus des Freundes (Paul) zufällig der Geburtstag der Oma statt: das ganze Haus war voll, wir wurden sofort mit Essen und Trinken bedient und im ganzen Haus lief laute Discomusik und es wurde getanzt..ja es war wirklich der Geburtstag der Oma!
Die Tage danach führte uns die Familie in Cuenca herum, so sahen wir z.B. den schönen Nationalpark, viele Teile der Stadt und dank Paul auch das Nachtleben. Schließlich bedankten wir uns bei der Familie mit einem typisch deutschen Gericht: Spätzle. Die Familie versicherte uns, dass wir jederzeit wieder kommen können.

Buen Provecho!

Als ich Donnerstagsmorgens in Ibarra ankam war ich sehr müde, aber danach erholte ich mich schnell. Am Sonntag den 7. November hatte ich eine besondere Überraschung für meine Kinder ... genaugenommen waren es zwei:
Seitdem ich hier angekommen bin, wohnt in meinem Haus ein Hund, Coco, der ein Mischling aus Chow-chow und was-weiß-ich-was ist. Da der arme mir einsam vorkam, fragte ich, ob noch Platz für einen anderen Hund wäre. Und so gingen wir alle zusammen am Nachmittag an eine Straße, an der Hunde verkauft werden, und wir alle verliebten uns sehr schnell in eine Hündin.
Mein kleiner Bär :)
Wir tauften sie Laska, doch nur weil meine Familie das so wollte, mir kam es etwas unkreativ vor, aber mittlerweile hab ich mich damit angefreundet.
Wenn ich Ecuador verlassen werde, muss ich sie wohl hier lassen, aber die Kinder mögen sie auch und ich denke, sie fühlt sich hier wohl.
Die zweite Überraschung fand abends statt. Seit einiger Zeit fanden in der Nähe vom Zentrum Ibarras Zirkusaufführungen statt. Am Abend lud ich alle Kinder in ein Taxi und wir fuhren los, der Besitzer war sehr freundlich und gewährte uns kostenlosen Eintritt. Für die Kinder war das ein sehr besonderes Erlebnis, ich glaube es hat ihn sehr gut gefallen.




Zu dieser Zeit fing ich an, zusammen mit Kevin Capoeira in einem Verein zu trainieren. Die anderen Teilnehmer sind sehr nett. Am 14ten November luden sie uns ein, sie zu einer besonderen Unternehmung zu begleiten:
Am Sonntagmorgen, nachdem ich noch lange mit über Skype telefoniert hatte, fuhr ich los in Richtung Esperanza. Das ist ein sehr abgelegenes Viertel Ibarras, sehr ländlich und weitläufig. An dem Haus unseres Trainers angekommen, sah ich ein großes schwarzes Zelt, das größtenteils aus Tierhäuten angefertigt war. Es regnete fast die ganze Zeit und es war sehr matschig. Vor dem Zelt waren aus Lehm und Matsch Symbole im Boden geformt, in der Mitte ein großes Lagerfeuer. Ich staunte nicht schlecht, als ich gefragt wurde, ob ich denn meine Badehose dabei hätte.
Die Leute erklärten mir, dass sie ein Ritual durchführen wollten, bei dem sie dem Gefühl nach wiedergeboren werden. Ich sollte ääh durfte daran teilnehmen.
Das Zelt symbolisiert hierbei den Bauch der Mutter, in den man auf Knien wie ein Kleinkind krabbeln muss. Im Feuer werden große Steine erhitzt und zum glühen gebracht. Sobald sich alle auf diese Weise ins Zelt begeben haben, wird damit begonnen, die Steine in die Mitte des Zeltes zu rollen, diese haben alle Namen und werden von den Leuten im Zelt begrüßt. Der Boden im Zelt war nass und mit Gras bedeckt, außerdem war es stockdunkel. Schließlich wurde Wasser über die Steine gegossen, was das Zelt zu einem Dampfbad (der etwas anderen Sorte) machte. Im Zelt wurde dieser Vorgang 4 Mal wiederholt, immer wieder kamen neue heiße Steine hinzu. Im Zelt wurde gesungen und getrommelt, außerdem drückten die Insassen ihre Dankbarkeit und ihre Gedanken aus. Als die Zeremonie schließlich vorbei war, krabbelten wir erneut auf Knien durch den Matsch aus dem Zelt heraus und duschten uns mit einem Schlauch ab, es war mittlerweile Nacht.
Danach fühlte ich mich tatsächlich in gewisser Weise wie wiedergeboren, es war für mich ein sehr spannendes und interessantes Erlebnis, allerdings war ich auch ein bisschen froh als es vorüber war.
Die Leute nannten das Ritual - falls man es so nennen kann -  „Tamascal“

Jetzt wird aufgeklärt!

Die Woche darauf fand in der Fundación eine „Taller“, ein 2 stündiger Weiterbilungs- und Aufklärungsunterricht für die Kinder, statt. Dabei hatte ich die Ehre, den Kindern zusammen mit einer Erzieherin die Pubertät zu erklären. Dazu verkleideten wir uns als Kinder und spielten vor, Veränderungen in unseren Köpern zu spüren. Das machte nicht nur den Kindern Spaß! =)
Am 21ten November kamen mich die Jungs aus Quito besuchen. Zusammen fuhren wir nach Atuntaqui, einem Nachbarort, um dort mit anderen auf dem Fußballfeld des Freundes eines Freundes von uns zu spielen, Deutschland – Ecuador. Am Ende gewannen wir haushoch und der Besitzer verließ schon bald betreten das Feld.
Am nächsten Wochenende, am 28ten, wurde in ganz Ecuador der sogenannte Censo durchgeführt, eine Art Volkszählung und –befragung. Deshalb durfte man bis abends das Haus nicht verlassen (für mich unvorstellbar in Deutschland) und wurde von Schülern mit Fragebögen besucht. Mein Gastvater machte sich einen Spaß daraus, mich als seinen Cousin zu verkaufen, und die ungeduldigen Schüler ununterbrochen auf den Arm zu nehmen.
Anfang Dezember besuchte ich die Stadtfeste in Quito. Die ganzen Straßen waren voll von Menschen, wir verbrachten den Abend in der Wohnung weil die Volontäre aus Quito Freunde zu Besuch hatten. Später gingen wir noch in die Stadt. Zum Schlafen kam ich leider kaum, da ich am Morgen um 6 los musste, um in Ibarra an der Feier der Konfirmation einiger Verwandter meiner Gasteltern teilnehmen wollte.
Das schwarze Schaf..dem Gefühl nach überhaupt nicht!
 Diese hatten mir extra eine Einladung geschrieben und ich wollte unbedingt erfahren, wie eine Konfirmation hier so aussieht. Die Konfirmanden waren alle schon älter, für sie war es nicht das erste Mal, stattdessen hatten sie sich dazu entschieden, ihren Glauben ein weiteres Mal zu bestätigen. Die Kirche war voll von Konfirmanden und Verwandten, mir wurden sehr viele erstaunte Blicke zugeworfen. Am Abend lud die Familie dann noch zu einer Feier ein, hier kam man nicht darum herum zu der typischen Musik zu tanzen, mir gefiel der Tag alles in allem sehr gut.
Am Sonntag hörte ich dann wehmütig vom Weihnachtsmarkt, den Kramperln und  den Buttnmandln in Berchtesgaden. Im Moment denke ich öfters an Zuhause als sonst, was natürlich klar ist, da ich Weihnachten immer mit meiner Familie verbracht habe.
Ich denke ich werde mich am 24ten aber dennoch mal kurz per Skype unter unseren Weihnachtsbaum im schönen Berchtesgaden setzen!
Seit Anfang Dezember gingen hier nun auch die Weihnachtsvorbereitungen los. Zuhause bastelten wir eine Krippe.

ein wenig stolz bin ich schon ;)

Zum Beispiel fertigten wir kleine Häuser aus Milchtüten und Kartons an und bemalten diese anschließend. Auch die Schulen der Kinder der Quinta hatten besondere Unternehmungen geplant.
So ging ich am 11ten in die Stadt um mir eine traditionelle Kleidung zu besorgen. Diese nennt sich „Samarro“ und wird aus Ziegen- und Lammfell hergestellt. Diese Kleidung benötigte ich nämlich für den Montagmorgen, da ich an einem Umzug der Schule von Karlita teilnehmen durfte. Eigentlich waren die Eltern der Schüler der Unidad de Sordos dazu gebeten, das Ende des Umzugs zu bilden, jedoch befinden sich die beiden Elternteile von ihr im Gefängnis. So brachen wir am Morgen auf und tanzten durch halb Ibarra. Die Sonne machte mir dabei sehr zu schaffen. Glücklicherweise brannte unsere Musikanlage kurz vor Schluss durch, dadurch wurde mir ein ähnliches Schicksal erspart.


Buen Chivo

Auch in unserer Fundación haben wir einiges an Weihnachtsprogramm. So wird beispielsweise fleißig gewichtelt, zudem werden alle Angestellten am 22ten eine Nummer aufführen und außerdem zusammen den Nachmittag verbringen. Außerdem werden seit dem 15ten täglich „Novenas“ durchgeführt. Dabei werden alle Kinder der Casas Familias mit ihren Educadoras eingeladen, immer in unterschiedlichen Häusern. Am Donnerstag den 16ten waren so zum Beispiel alle bei uns eingeladen. Die Kinder der Häuser (also auch ich: el niño grande) werden als Josef, Maria, Hirten, Könige etc. verkleidet, und zusammen werden Weihnachtslieder gesungen und Texte vorgelesen. Mittlerweile hab ich schon das ein oder andere Lied gelernt.

Eigentlich erwarte ich ein schönes Weihnachten. Natürlich fehlt mir meine Familie sehr, auch der Schnee und alles was einfach dazugehört, dennoch hab ich auch hier das Gefühl, dass diese Tage besonders sind. Leider ist noch nicht ganz klar, ob die Kinder bis zum 24ten noch im Haus bleiben können.
Ich habe für alle Kinder aus meinem Haus für Weihnachten eine besondere Überraschung. In Ibarra habe ich eine Familie kennen gelernt, die sehr nett zu mir sind. Zusammen haben wir Spender gesucht, die jedem Kind ein Weihnachtsgeschenk finanzieren. So haben wir 240 $ aufgetrieben und waren auch schon Geschenke einkaufen (nach Wunschliste die wir davor von den Kindern gebeten haben – natürlich nicht an uns sondern an Niño Dios).
Zwar gibt es hier sehr viele Dinge die mir nicht gefallen und die ich so ganz und gar nicht mit Weihnachten in Verbindung bringen kann (blinkende, mehrfarbige Lichterketten die noch dazu ohrenbetäubende Laute, bzw. Weihnachtsmusik, von sich geben; übertrieben kitschiger Schmuck an allen Ecken und Enden; Krippen, in denen Lichter den Stall in Diskotheken verwandeln; Weihnachtsbäume zum zusammenstecken, aber da bin ich vielleicht verwöhnt etc. etc. etc.) doch auch hier ist das Gefühl von Weihnachten schon da.
Den Silvesterabend werde ich wohl oder übel im tiefsten Dschungel verbringen, ein Feuerwerk erwarte ich deshalb nicht =).
So, mittlerweile ist es jetzt schon halb drei am Morgen und deshalb geh ich jetzt schnell ins Bett und träume von Weihnachtsmärkten im Schnee, Schlittenfahren, Schlittschuhlaufen und davon, echte Kerzen am Weihnachtsbaum anzuzünden…

Ich schicke euch allen viele liebe Grüße aus Ecuador, sehr schöne Weihnachtstage und ein frohes Weihnachtsfest. Schade, dass ich dieses Jahr soo weit weg von zu Hause bin, aber nächstes Jahr bin ich ja schon wieder da, ich freu mich jetzt schon drauf.
Im Cuyabeno Nationalpark werde ich sicherlich weder Strom noch eine Telefonverbindung haben, geschweige denn Internet.
Deshalb wünsche ich euch einen guten Rutsch ins neue Jahr und hoffe danach bald wieder Nachrichten aus Deutschland zu erhalten!!!!
¡Feliz navidad y un prospero año nuevo!

Christoph

Freitag, 15. Oktober 2010

Schon wieder Wochenende!

Schon wieder ist ein weiterer Monat wie im Flug vergangen und es gibt zu viel zu erzählen..
Zuletzt war es nicht so leicht Zeit zum berichten zu finden, deshalb werde ich jetzt noch die wichtigsten Erlebnisse schildern.
Am Freitag den 17ten September war das Stadtfest Ibarras, hier gab es einiges zu sehen. Zum Beispiel die sogenannte Pregón, ein Umzug, bei der verschiedene Tanzgruppen ihre Choreographien vorstellten. Dabei kann man die Tänze verschiedenster Kulturen kennenlernen. Hierzu habe ich auch einige Bilder ins Internet gestellt.
Am nächsten Tag bin ich mit Kevin und Hella nach Cuicocha gefahren und von dort aus zu der gleichnamigen Kraterlagune aufgebrochen. Wir haben dort eine kleine Bootstour gemacht, haben es uns jedoch auch nicht nehmen lassen, in das kalte doch sehr klare Wasser zu springen. Ein komisches Gefühl wenn man bedenkt, dass man sich über einem Vulkan befindet.
Am Abend kehrten wir noch nach Ibarra zurück und luden unsere Nachbarn auf einen selbstgemachten Batido de Mora (Frucht-Milch-Mix) ein. Diese Geste unter Nachbarn ließ sie nicht schlecht staunen, dennoch haben wir uns mit ihnen angefreundet und den einen oder anderen Tipp über Ibarra aufgeschnappt.
Da ich jeden Werktag die kleine Karlita zu ihrer Gehörlosenschule begleite und für sie schon an Elternsprechtagen teilgenommen habe, wurde ich am Freitag danach von der Schulleitung der "Unidad Educativo de Sordos" eingeladen, bei einer Parade mitzulaufen. Der Anlass hierzu war der "Día de Sordos", der Tag der Gehörlosen. Also trafen sich alle Eltern mit ihren Kindern und den Lehrern am Morgen am Obelisk in Ibarra und marschierten später durchs Zentrum. Anschließend hielt der Zug in einem Museum, in dem der Tag noch weiter gefeiert wurde. Nachmittags ging es für mich dann ab nach Quito.
In der Woche danach begannen am Donnerstag die Unruhen, doch am Samstag reiste ich schon wieder unbesorgt dorthin.
In der nächsten Woche begannen wir in der Fundación mit den Vorbereitungen für die Feier des 17ten Geburtstags der Fundación. Es wurde eine Minga veranstaltet (Großputz, bzw. -renovierung). Zunächst kratzten wir an den Wänden die Farbe ab, sodass wir am nächsten Tag mit dem Streichen beginnen konnten.

Die Arbeit machte mir sehr viel Spaß, jedoch stiegen wir schon am Donnerstagabend in den Bus, um ein verlängertes Wochenende in Guayaquil zu genießen. Nachdem wir freitagmorgens dort ankamen und uns ein billiges Hotel gesucht hatten, besuchten wir dort einige Sehenswürdigkeiten. Besonders hat mir das Viertel "Las Peñas" gefallen. Es befindet sich direkt am Meer auf einem Hügel. Von dem Aussichtsturm darauf kann man weite Teile Guayaquils überblicken. Nachdem wir unteranderem noch einen Park besichtigten, indem Leguane einfach so herumspazieren, brachen wir am Sonntag nach las Playas auf. Der Strand dort hat mir sehr gefallen, am meisten Spaß bereiteten uns jedoch die außerordentlich hohen Wellen, mit deren Hilfe das Bodysurfing nicht allzu schwer war. Um am Montagmorgen arbeiten zu können, reisten wir die ganze Nacht im Bus. Deshalb war ich am Montag sehr sehr müde und konnte mich den Tag manchmal nur schwer wachhalten.
Am Mittag bekam ich dann einen Anruf, dass ich zusammen mit einer Mitarbeiterin der Fundación und Kevin in eine Radiosendung eingeladen wurde. Zehn Minuten vor Beginn des Interviews wurde ich Abgeholt. Zum Anlass der gestrigen Feier wurden wir über unsere Arbeit und den genauen Ablauf der Feier ausgefragt. Außerdem interessierte die Moderatorin unsere Erfahrungen in Ecuador und besonders das Leben in Deutschland. Das Interview machte uns sehr viel Spaß.


Das Fest begann am Mittwoch am Morgen. Um den 17ten Geburtstag der Fundación zu feiern wurde zuerst ein Wettlauf für die Kinder veranstaltet. Hierbei halfen wir bei den Vorbereitungen und sorgten dafür, dass die Kinder die richtigen Straßen entlang laufen. Die Polizei musste einige Straßen sperren. Anschließend wurden die Kinder verpflegt, es wurden einige Worte gesagt und Musik gemacht. Der nächste Teil fand nachmittags im Colegio Sanches statt, dort wurden einige Reden gehalten und die Fundación genauer vorgestellt. Anschließend gingen wir Volontäre mit den etwas jüngeren Mitarbeitern der
Fundación noch in die Stadt.

Imbabura (4.030 m)

 Fast jeden Morgen stehe ich auf und sehe dieses Bild. Und jedes Mal löst es in mir ein Gefühl aus, das mich am liebsten sofort aufbrechen lässt um diesen Vulkan "Imbabura" (4.030 m) zu besteigen. Ich habe mit Don Jeorge geredet, vielleicht geht es diesen Samstag um fünf Uhr los!

Samstag, 2. Oktober 2010

Quito

Bin gerade in Quito angekommen und habe schon die neue Volontaerin abgeholt.
Von dem was vor zwei Tagen passiert ist, merkt man hier wirklich nichts mehr, die Straßen sind voll und Polizisten sind auch unterwegs. Mach mir keine Sorgen. Morgen Abend fahr ich wieder zurueck nach Ibarra.

Freitag, 1. Oktober 2010

Ein Tag danach..

Mittlerweile hat sich alles schon wieder beruhigt, anscheinend ist auch in Quito die Situation seit der Befreiung viel entspannter.

Camioneta de Bomberos
Heute Morgen waren noch immer keine Polizisten auf den Straßen, dafür patrollierten in der Stadt jedoch Feuerwehr-Pickups mit Soldaten auf der Ladefläche. Nachmittags habe ich aber auch schon wieder die ersten Polizisten gesehen. Ich habe mich heute mit einer Mitarbeiterin in der Fundación unterhalten, sie erklärte, dass die Polizisten, die den Präsidenten gestern gefährdeten nur einer eher kleineren Gruppierung angehörten. Sie machte zudem deutlich, dass ein Staatsstreich im Moment nicht glücken konnte, da der Präsident so viel Rückhalt genießt. Deshalb war der Putschversuch, falls es denn einer war, schon im Voraus zum Scheitern verurteilt. Die Bilder, die während der Befreiung aufgenommen wurden, werden hier pausenlos ausgestrahlt. Dabei ist auch zu sehen, wie ein Polizist tödlich getroffen wird, während er sich schützend an den Fluchtwagen des Präsidenten klammert.
Insgesamt wurden 183 Menschen verletzt, davon 121 in Quito. Dabei wurden jedoch auch die Plünderungen und Überfälle berücksichtigt.
Bei der Befreiung starben zwei Polizisten und ein Soldat. Außerdem kamen drei Zivilisten ums Leben, zwei davon in Guayaquil.
Morgen werde ich vorrausichtlich doch nach Quito reisen, die Flughäfen sind schon wieder frei und auch im ganzen Land hat sich die Situation wie gesagt schon beruhigt.
Heute ist mein Gastvater ohne Ankündigung zurückgekehrt, was uns alle sehr freute. Um den Kindern eine Freude zu bereiten spendierte ich dann noch eine kleine Torte.

Donnerstag, 30. September 2010

Ausnahme Zustand!?

So ich denke es ist besser ich melde mich mal, nicht dass sich irgendwer noch Sorgen um mich macht!
Ich habe es heute über die Nachrichten hier im Fernsehen erfahren, doch auch davor hat man eine gewisse Veränderung auf den Straßen bemerkt, z.B. Busse und Taxis waren plötzlich seltener zu sehen, später sollen dann wegen Straßensperren gar keine Taxis mehr gefahren sein.
Wie ihr vielleicht schon über die Nachrichten in Deutschland verfolgt habt, eskalierten heute die Proteste gegen die Lohnkürzungen der Sicherheitskräfte in Ecuador. Die Polizisten und Teile der Armee gingen gegen den Präsidenten vor und versuchten, diesen gefangen zu nehmen. Schließlich landete dieser, nachdem er versuchte mit den Demonstranten zu reden, wegen einer Gas- und Wasserattacke im Krankenhaus.
Es wird/wurde außerdem ein Putsch befürchtet, was aber nicht selten in diesem Land ist. In den Jahren zuvor wurden bereits drei Staatsstreiche durchgeführt. Die Stimmung im Land, wie ich sie auch in meiner Gastfamilie erlebe, ist jedoch so, dass sich die Sicherheitskräfte gegen die Regierung UND das Volk stellt, da das Volk hinter dem Präsidenten steht. In Quito wurde dazu aufgerufen, den Präsidenten vor den Demonstranten zu retten. Soviel ich weiß, führte die gesamte ecuadorianische Polizei heute einen Streik durch, wie lange der noch andauern soll weiß ich nicht. Ich habe heute auf jeden Fall keinen einzigen Polizisten oder Streifenwagen gesehen.
Aber ich mache mir keine großen Sorgen, hier in Ibarra ist alles verhältnismäßig ruhig und unverändert geblieben. Ich war heute auch mit den Kindern in der Stadt unterwegs. Dabei habe ich lediglich meine Wertsachen im Haus gelassen, wie mir angeraten wurde. Dadurch, dass die Polizei keine Präsenz zeigt, werden Straftäter praktisch dazu verleitet, die Situation auszunutzen, was zum Beispiel Plünderungen oder Überfälle zur Folge hat. Ich hab hier aber von beidem nichts erlebt. Ich hatte nur das Gefühl, dass die Stimmung in der Stadt etwas angespannter war, und man auf den Straßen etwas andere, unangenehmere Gesichter antraf. Antony erzählte mir zum Beispiel, dass er eine Gruppe von Ecuadorianern die an uns vorbeiliefen vor einigen Wochen im Gefängnis bei einem Besuch bei seiner Mutter gesehen hatte, er nannte sie Ladrónes (Diebe) und war sehr beunruhigt. Dennoch muss man sich hier wirklich keine Sorgen machen.
Marian zum Beispiel hat es härter getroffen, er wollte zufällig gestern nach Guayaquil reisen, dort war aber alles schon dicht, am Flughafen wurde er von Polizisten weggeschickt, später wurde er Zeuge wie in der Innenstadt Cuencas geplündert wurde. Guayaquil liegt im Gebiet der Costa, das im Allgemeinen als gefährlicher als beispielsweise die Sierra gilt. Dort möchte ich im Moment wirklich nicht sein.
Ich hatte eigentlich überlegt morgen nach Quito zu fahren, weil ich am Samstag eine weitere Volontärin abholen muss. Ich bin mal gespannt, ob sie überhaupt ankommt. Diese Reisepläne werde ich wohl überdenken müssen..

Ich habe gerade mit Elias telefoniert, die Lage in Quito scheint doch wesentlich angespannter als hier in Ibarra zu sein. Die Volontäre dort mussten heute mit dem Taxi heimgebracht werden, die Straßen sollen ziemlich leer gewesen sein. Das Krankenhaus indem sich der Präsident befindet wurde gegen Schusswechsel befestigt.
Doch mittlerweile spricht Correa schon wieder vom Dach des Krankenhauses.
Die Kinder müssen morgen nicht in die Schule und alle Läden, Bänke etc. sind vorsichtshalber geschlossen.
Ich bin sehr gespannt, wie sich alles entwickelt, ich denke aber nicht, dass die Situation noch sehr viel weiter eskaliert. Was uns alle erschreckt und erstaunt ist, wie schnell diese Entwicklung stattgefunden hat, besonders für die Volontäre in Quito war das sehr überraschend, sie waren gestern zum Beispiel noch in den Stadtteilen in denen heute geplündert wurde unterwegs.
Ich denke es ist das Beste, das Wochenende in Ibarra zu bleiben.

Mittwoch, 15. September 2010

La Quinta

Jetzt bin ich mittlerweile nicht nur über einen Monat in Ecuador, sondern arbeite auch schon solange. Das letzte Wochenende hab ich mich dazu entschlossen, in Ibarra bei meiner Gastfamilie zu bleiben.
Mit ihnen besuchte ich am Freitag einige Fußballspiele, bei denen meine Gasteltern mitspielten. Am nächsten Tag besuchten wir gemeinsam die nahegelegene Lagune und fingen einige Fische mit selbstgebauten Angeln.

La QUINTA
Heute möchte ich meine Gastfamilie "La Quinta" etwas genauer vorstellen.
Der Name kommt von dem gleichnamigen Viertel Ibarras, auch das Haus in dem wir wohnen heißt so.
Das Haus ist im Besitz von der Fundación Cristo de la Calle, dennoch erscheint das Betreuer Ehepaar als die wahren Hausherren.


Señora Amparito, meine Gastmutter, arbeitet für die Fundación. Sie ist wie ihr Ehemann Don Jeorgito (wie er von den Kindern, einschließlich mir (el niño grande) genannt wird) sehr fußballbegeistert. Nicht sehr überraschte es mich zu hören, dass die beiden sich auch so kennen gelernt haben, auf einem Fußballspiel. Ich komme sehr gut mit ihnen aus, Amparito ist sehr freundlich und lustig und mit Jeorge hab ich mich schon seit dem ersten Tag angefreundet, er ist eher eine Art Kumpel für mich, als mein Gastvater. Außerdem werden die Kinder durch beide ausgezeichnet betreut. Nächsten Montag wird Jeorge leider nach Quito umziehen, um dort jeweils 15 Tage zu arbeiten und danach für ein Wochenende heimzukehren. Sehr schade.

Nun zu den Kindern. Diese werden relativ zufällig auf die vier Casas Familiares in Ibarra verteilt, Geschwister werden vorzugsweise nicht getrennt, oftmals werden dadurch jedoch auch Probleme behoben, da es Fälle gibt, bei denen das Zusammenleben der Schwester mit dem Bruder in heftigen Streitereien eskalierte.
Aufgrund dieser Aufteilungen wechseln die Bewohner meines Hauses oftmals durch. Wir waren bereits einmal eine 15-köpfige Familie, im Moment sind es jedoch nur Kinder. Ich möchte nun die Kinder, die sich zurzeit in meinem Haus befinden vorstellen und auch ihre Geschichte erzählen.

Robin
Robin ist 13 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Quito. Dort flüchtete er aus einer Fundación, in die er von seiner kranken Mutter gesteckt wurde. Er sagt er bekam dort zu wenig zu essen und wurde geschlagen. Danach lebte er zwei volle Jahre auf der Straße, ohne Familie und ohne Obdach. So war er praktisch gezwungen zu betteln und zu stehlen, umso erstaunlicher ist die durchwegs positive Entwicklung die er durchlief, nachdem er von der Polizei zur Fundación Cristo de la Calle gebracht wurde.
Robin hat keine Familie. Seine Mutter musste er auf dem Sterbebett in Quito zurücklassen, über den Vater ist nichts bekannt, ebenso über seinen Bruder. Er tut sich manchmal sehr schwer, diesen Verlust zu verkraften. Bei einem Besuch der Mutter von Solange fand ich ihn einmal weinend in seinem Zimmer. Nachdem ich eine Weile mit ihm geredet hatte, erzählte er mir davon und ich ahnte, wie groß der Schmerz in ihm ist. Das ein Junge in seinem Alter das so ertragen kann ist für mich unvorstellbar. Man merkt, dass ihm durch die zusammengemischte Familie sehr geholfen wird und er sich sehr gut integrieren und damit identifizieren kann.
Für mich ist er ein sehr lustiges und aufrichtiges Kind, das weiß, die Betreuer und deren Bitten zu respektieren. Außerdem ist er für sein Alter ein sehr guter Fußballspieler.

Solange
 Solange ist 8 Jahre alt und ist eine "puritica puritica Quiteña" (eine waschechte Quitanerin). In jungen Jahren lebte sie bei ihrem Vater, der ihr immer wieder einredete ihre Mutter sei tot. Später lernte sie diese dann jedoch kennen und wohnte schließlich dort. Leider hält diese Solange für ein zu schwererziehbares und unerträgliches Kind, weshalb das Kind in der Quinta landete. Ich kann die Meinung der Mutter keineswegs verstehen, ich denke sie will Solange nicht recht anerkennen und sich nicht die Mühe um sie machen. Traurig ist, dass die kleine Schwester alleine weiterhin mit der Mutter zusammen lebt. Solange ist ein sehr aufgewecktes und sehr sehr lustiges Mädchen. Sie redet sehr viel und sehr schnell und natürlich ist sie nicht immer leicht zu handhaben, weshalb sie auch oft der kleine Teufel genannt wird, was sie mit ihrem scheinbar unerschöpflichen Humor nimmt. Auch wenn sie oftmals sehr anstrengend ist, ist sie doch ein sehr liebes Mädchen.

Adriana
Adriana wohnt schon sehr lange in der Quinta, sie ist bereits 12 Jahre alt. Weder ihre Mutter noch ihr Vater nahm sich ihrer an, sie verkauften und konsumierten beide Drogen. Auch Adriana kam schon mit Drogen in Berührung. Einmal flüchtete sie für zwei Monate zu ihrer älteren Schwester die auf der Straße lebt. Dort konnte sie durch betteln und stehlen jedoch nicht überleben und kehrte zur Fundación zurück. Ein Bruder von ihr lebt ebenfalls in einem der Häuser der Fundación. Aufgrund ihres Alters ist der Umgang mit ihr manchmal etwas komplizierter und anstrengender, dennoch ist auch sie ein nettes und lustiges Mädchen.

Luis
 Luis ist Jahre 9 alt und hat zwei kleine Geschwister die jedoch in dem Haus in Yuyucocha wohnen. Über seinen Vater ist nichts bekannt, seine Mutter leidet unter Demenz. Zunächst wohnten die Kinder bei der Großmutter, die sich später jedoch aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters und Krankheit nicht mehr ausreichend um die Kinder kümmern konnte. Luis ist sehr anhänglich, man merkt das ihm die Mutter und in meinem Fall der Vater fehlt. Oft fängt er ohne wirklichen Grund an zu weinen, für ihn ist es am schwierigsten sich in die Quinta zu integrieren. Er versteht sich jedoch sehr gut mit dem ebenso großen Antony. Da ich mein Zimmer direkt neben dem Jungenzimmer hab, höre ich sie morgens immer, wie sie sich über ihre Träume unterhalten. Luis ist noch nicht so lange hier, und wir werden versuchen, ihm den Aufenthalt hier noch angenehmer und so familiär wie möglich zu gestalten. Besonders der Mathematikunterricht bereitet ihm große Schwierigkeiten, deshalb habe ich mir vorgenommen, ihm jeden Nachmittag oder Abend Nachhilfe zu geben. Ihm scheint die Idee sehr gut zu gefallen und er arbeitet sehr motiviert mit.

Los Gudiños:
Des Weiteren beherbergt die Quinta gleich drei Geschwister auf einmal: Vianca, Antony und Karla. Ihre Eltern leben getrennt und sind im Moment beide im Gefängnis: Drogenhandel. Señora Amparito sagte mir, ihr Vater sei sehr reich, doch davon bekommen die Kinder nichts zu spüren. Der Vater ist in einem Gefängnis in Guayaquil, die Mutter hingegen lebt im Gefängnis in Ibarra. Deshalb haben die Kinder Kontakt zu ihr, jedes Wochenende besuchen sie ihre Mutter. Dieses scheint sich auch um sie zu bemühen. Im Januar wird sie freigelassen, doch hat sie die Fundación gebeten, ihre Kinder noch etwas länger zu beherbergen, damit sie sich Arbeit und Wohnung suchen kann. Deshalb werden die Kinder ungefähr gleichzeitig mit mir das Haus verlassen.

Vianca
Die älteste der drei heißt Vianca (10). Sie ist ein sehr ruhiges und liebes Mädchen, sehr hilfsbereit. Sie nimmt die Anliegen der Betreuer sehr ernst und setzt sich für ihre Geschwister ein. Wird beispielsweise ihre kleine Schwester Karla geschimpft, trifft sie das oft härter als die Schwester selbst. Sie tanzt sehr gerne und ist auch eigentlich immer fröhlich. Wie ihre Geschwister ist auch sie sehr anhänglich.

Antony
Der jüngere Bruder heißt Antony. Er ist 8 Jahre alt und der Beschützer seiner Schwestern. Als er anfangs in der Quinta lebte galt er als verzogenes und gewaltbereites Kind, einmal gab es körperliche Auseinandersetzungen mit den Erziehern. Nachdem ich Antony kennen gelernt habe, ist diese Geschichte kaum vorstellbar: Heute ist er ein unglaublich liebes Kind, sehr interessiert an meinem Leben in Deutschland (wie eigentlich jeder hier) und immer für jeden Spaß zu haben. Von den Kindern der Quinta ist er am anhänglichsten und benötigt sehr viel Zuwendung. Er passt wie seine Geschwister ganz und gar nicht in das Bild der Kinder eines Drogenbarons der im Gefängnis sitzt. Ich denke das ist größtenteils der Verdienst der Fundación, bzw. der Quinta.

Karlita
Die jüngste der drei heißt Karla (7), da sie die Kleinste ist wird sie aber immer Karlita genannt. Während ihrer Schwangerschaft verzichtete die Mutter verantwortungsloserweise nicht auf den Konsum von Drogen. Wahrscheinlich ist das der Grund der ihr ein schweres Schicksal bescherte: sie ist taub.
Deshalb benötigt sie oft mehr Zuwendung und Hilfe als die anderen Kinder. Doch das wird auch oft zum Problem. Ich denke sie hat sich sehr an die besonderen Privilegien in der Quinta gewöhnt und möchte deshalb oft in irgendeiner Weise bevorzugt werden. Besonders fällt das auf, wenn sie in ihrer Schule mit anderen tauben Kindern zusammen kommt.
Dort weigert sie sich manchmal zu arbeiten, was die Lehrerin schon öfters zum verzweifeln brachte. Vor Don Jeorgito und Señora Amparito hat sie jedoch großen Respekt. Wenn ich zusammen mit allen Kindern in den Park zum spielen gehe, muss man sie besonders beaufsichtigen, da sie oft alleine unterwegs ist. Sie scheint sehr intelligent zu sein und ihr gelingt es gut, Wörter von Lippen abzulesen. Die Vokale kann sie schon ansatzweise aussprechen. Dennoch musste ich das ein oder andere Zeichen der Gebärdensprache lernen um gut mit ihr kommunizieren zu können.

Die Erziehung der Kinder in der Quinta ist relativ streng, was den Kindern aber keineswegs schadet. Häusliche Arbeiten werden größtenteils von ihnen erledigt, Fehlverhalten wird fast immer fair bestraft, eine größere Strafe für die Kinder ist jedoch das lange Gespräch das jedes Mal geführt wird. Die Betreuer teilen so ihre Enttäuschung und Unzufriedenheit mit dem Verhalten der Kinder mit, was diesen sehr nahe geht. Dennoch spaßen die Betreuer auch sehr viel mit den Kindern, solange sich jeder gut benimmt. Wir gehen oft alle gemeinsam abends in den Park um Fußball zu spielen, bis die Sonne untergeht.

Ich bin wirklich sehr glücklich mit meiner Gastfamilie und hab alle Kinder schon in mein Herz geschlossen! :)